Kitzeln in den Neunzigerjahren

Ja, ich bin so alt, dass ich mich schon in den 1980er- und 1990er-Jahren für Kitzeln interessiert habe. Mitte der 80er, als Teenager, habe ich erstmals gemerkt, dass Kitzeln eine erotische Wirkung auf mich hat. Aber wo konnte man damals weitere Informationen, Kitzelbilder oder Gleichgesinnte finden? Internet war damals nichts für Normalsterbliche, und WWW gab’s noch überhaupt nicht. “Opa erzählt vom Krieg” – oder Federflügel erzählt über seine Jugend als Kitzelenthusiast in den späten Achtzigern und Neunzigern.

Es muss so 1985 gewesen sein, als ich merkte, dass ein Mädchen kitzeln und ein Mädchen küssen auf mich ganz ähnliche Wirkung hat. Ich spürte ein Kribbeln in mir, von dem ich nun, Teenager und nicht mehr Kind, wusste, dass es etwas mit Erotik zu tun hatte. Gut, dieses Wort habe ich damals noch nicht verwendet, aber es war klar: Kitzeln, sei jeher etwas, das ich mochte, hatte seine kindliche Unschuld verloren.

Aber wie fand man als junger Kitzelfan ein Mädchen zum Kitzeln? Das ist der Vorteil der Jugend: man kann es einfach mal tun, ohne eine gewischt zu bekommen. Heute, als fast Vierzigjähriger, kann ich nicht mehr auf gut Glück eine Bekannte oder Kollegin kitzeln, um zu schauen, wie sie reagiert. Als Teenager ging das, und manche meiner damaligen Klassenkameradinnen konnten ein Lied davon singen.

Ich war da nicht der einzige: Kitzeln war, natürlich, eine beliebte Art, dem anderen Geschlecht näher zu kommen, ohne die erotische Absicht zugeben zu müssen. Aber ich habe, anders als andere Teenager, die Vorliebe für das Kitzeln ins Erwachsenenalter mitgenommen, und damit kommen wir in die Neunziger.

Erste Kitzelgeschichten und Bilder: noch auf Papier

Da war ich nun, Kitzelenthusiast wie noch als Teenager, aber es war, als sei ich der einzige geblieben. Stimmte das? Oder gab es noch andere, die Kitzeln erotisch fanden? Gab es vielleicht sogar Geschichten übers Kitzeln oder Fotos von kitzligen Mädchen? Damals konnte man noch nicht nach “Kitzeln” googeln, um zu schauen, was es dazu im Netz gibt. Denn das Netz gab es noch gar nicht, jedenfalls nicht für Normalsterbliche (mit kleinen Ausnahmen, dazu später).

Es muss so 1987 gewesen sein, als ich in einem Playboy-ähnlichen Magazin eine faszinierende Kurzgeschichte las, in der eine Frau erzählte, wie sie im Lesesaal einer Bibliothek unter den Tischen durchkrieche, um den Bibliotheksbenutzerinnen, welche unter dem Tisch aus den Schuhen schlüpfen, die Füsse zu kitzeln. Obwohl mich Füsse eigentlich nicht faszinieren, war die Seite mit dieser Kurzgeschichte bald viel zerfledderter als die Seiten mit den Bildern nackter Mädchen. Und ich hatte einen ersten Hinweis, dass es auch andere gab ausser mir, die Kitzeln als erotisch empfanden.

Den zweiten Hinweis erhielt ich erst Jahre später, als ich mit roten Ohren einen Sexshop betrat. Was gab es dort alles Unanständiges zu sehen! Vieles fand ich eher abstossend als anziehend, zu heftig, eine Art Holzhammer-Erotik, der jede Subtilität abgeht. Das hat sich bis heute gehalten, insofern ich zum Beispiel bei meinen eigenen Kitzelgeschichten zwar Erotik rüberzubringen versuche, aber auf harte Pornosprache verzichte.

Besonders unerotisch fand ich die Fetisch-Ecke, aber irgendwie übte sie doch eine unerklärliche Faszination auf mich aus. Ich sah mich dort um, und fand zwischen Bildern von  Uniformträgerinnen und peitschenschwingenden Lederfrauen, zu meiner freudigen Überraschung, ein Kitzelmagazin. Über 40 Seiten Kitzelbilder und Kitzelgeschichten! Englisch zwar, und viele der Bilder Schwarzweiss, aber trotzdem, ein wunderbares Fundstück. Obwohl armer Student, kratzte ich mein Geld zusammen und kaufte mir dieses Juwel.

Das Internet in den Kinderschuhen

Dann kam das Internet, die erste Mailadresse, und an der Uni Zugriff auf das World Wide Web. Natürlich habe auch ich, wie viele andere, wenn der Computerraum an der Uni mal nicht so voll war, den Bildschirm unauffällig etwas zur Seite gedreht, damit nicht jeder zusehen konnte, und mal geschaut, ob ich Erotikseiten – in meinem Fall vor allem Kitzelseiten – finden würde. Ein paar 08/15-Erotikseiten konnte man sich anschauen, wenn man die Adressen kannte, aber Kitzelseiten habe ich keine gefunden. Wie auch? Google gab’s noch nicht.

Aber es gab etwas anderes: Newsgruppen. Eine Art von Foren älter als das WWW, eigentlich für (wissenschaftliche) Diskussionen, aber man konnte auch Dateien austauschen. In diesem Newsgruppen stiess ich gleich zweimal auf Kitzeln. Einerseits gab es da ein paar Gruppen, wo Kitzelbilder ausgetauscht wurden. Wir reden von einzelnen Bildern, nicht ganzen Galerien, oft immer mal wieder die gleichen Bilder, aus Magazinen eingescannt. Die konnte man sich mit viel Geduld downloaden, und manchmal, mit viel Glück, dazwischen ein 30-Sekunden-Video, briefmarkengross, mit einer Kitzelszene. Ein paar gefundene Bilder heruntergeladen und auf Diskette kopiert (CD-Brenner? Bin ich Krösus oder was?) – keine grosse Ausbeute, aber hey, es ging darum, überhaupt irgendetwas zu haben!

Spam für Kitzelvideos

Was es in den Newsgruppen ausserdem gab, war Terri DeSisto. Das war ein Spammer, der von sich behauptete, eine 23jährige heisse Blondine zu sein, in Wirklichkeit war er, wie sich später herausstellte, ein männlicher Mittvierziger. Meine erste Begegnung mit einem Fake in der Kitzelszene, aber sehr leicht durchschaubar. Terri DeSisto überzog alle möglichen Newsgruppen, seien sie thematisch passend oder nicht, mit Nachrichten, in denen “sie” Jungs suchte, die private Kitzelvideos für “sie” drehen sollten. Dadurch machte “sie” sich natürlich nachhaltig unbeliebt, aber – und dies will ich “ihr” im Nachhinein zu Gute halten – sie erwies den Kitzelfans den Dienst, dass diese merkten, es gibt noch andere Kitzelfans auf der Welt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal positive Worte über einen Faker und Spammer – und noch dazu diesen – verlieren würde!

Gab es die Kitzelvideos, von denen Terri DeSisto sprach? Ich weiss es nicht. Aber mein Interesse war geweckt: wo konnte man Kitzelvideos bekommen? Richtig lange und gute, nicht die briefmarkengrossen Kurzclips? Wenn man im Netz nicht fündig wird, sucht man eben wieder im realen Leben – und siehe da, im Sexshop gab es neben den Magazinen auch Videokassetten. Wieder gab ich ein halbes Vermögen aus für einen Film von Calstar, in dem ein Mann beim Picknick darüber phantasiert, wie er seine beiden Begleiterinnen fesselt und kitzelt. Da ich in meiner Studentenbude keinen Fernseher, geschweige denn einen Videorecorder hatte, musste ich mir den Film heimlich bei meinen Eltern zu Hause ansehen. Aber was tut man nicht alles!

Suchmaschinen öffnen eine neue Welt

Dann kam 1996, die Geburt von Altavista. Für die Jüngeren unter uns, Altavista war die erste vernünftige Suchmaschine. Google mit seinem besseren Suchalgoritmus kam erst 1999, aber man konnte nun, Mitte der Neunziger, erstmals im WWW vernünftig nach etwas suchen, von dem man noch nicht wusste, ob und wenn ja wo es zu finden sein könnte. Natürlich suchte ich nach Begriffen wie “kitzeln” (mit wenig Erfolg) oder “tickle” (mit viel Erfolg). In den USA gab es schon damals eine richtige Kitzelszene. Erste Webforen, Seiten mit Bildersammlungen, Videos (immer noch kleinformatig, Zeichnungen, Kitzelgeschichten – eine faszinierende Welt tat sich auf.

Was es da wann genau gab, weiss ich nicht mehr. Denn meine Kitzelbiographie bekam Ende der Neunziger einen Knick. Ich lernte eine Frau kennen und lieben, die – quelle horreur :-) – kaum kitzlig ist. Kitzeln trat in den Hintergrund, auch wenn sie gelegentlich gern ausprobierte, was passiert, wenn sie kitzligen Stellen krault… So war ich denn “weg vom Fenster”, ich habe nicht miterlebt, wie die ersten deutschsprachigen Kitzelseiten und Kitzelforen entstanden sind. Erst 2006 wurde ich langsam wieder aktiv, und bin es noch.

Ob der heutige Überfluss an Kitzelbildern, Videos, Foren und Webseiten besser ist als die karge Landschaft der Neunziger, wo man sich sein Kitzelmaterial durch intensive Recherchen verdienen musste? Egal. Worum ich die jungen Kitzelfans von heute  wirklich beneide, ist, wie leicht sie feststellen könne, nein, ich bin nicht der einzige, den Kitzeln anmacht.

Eine Antwort zu Kitzeln in den Neunzigerjahren

  1. TrivialTickler sagt:

    Viva Nostalgica! Ich duchstöbere gerade alte Foren und dazu passt dieser Beitrag wunderbar ;)

    Schön das zu lesen, auch wenn ich erst ab dem letzten Absatz (so 1998) mitreden hätte können und in der Phase, in der die deutsche Onlineszene sich so langsam selbst zum Leben erweckte mehr dabei war aber du leider nicht und es deswegen hier nichts dazu zu lesen gibt ;)

    Besser als du die 80er beschreibst finde ich die Situation heute auf jeden fall. Mal unabhängig von der Vielzahl Videos und Bildern, die es nun gibt (und die ich dennoch begrüße *g*). Wie hätte man damals so einfach Wege finden können, seine Leidenschaft mit anderen Zusammen diskutieren und ausleben zu können?

    Und freilich, den meisten bleibt durch google nun eine intensivere sexuelle Identitätskrise ersparrt *g*

    So, und nun warte ich auf die kraft Neujahrsvorsatz zugesagte Antwort *g*

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