Fremdwörter sind Glückssache

Jede erotische Vorliebe, die etwas auf sich hält, hat ihr eigenes Fremdwort. Ob es für die Kitzelvorliebe auch eins gibt? Nein – es gibt deren zwei! Oder sind es sogar drei? Eine Betrachtung für kitzlige Bildungsbürger.

“Kitzelfetischismus”? Das ist weder Fisch noch Vogel, halb Deutsch und halb Fremdwort, ausserdem sachlich falsch, da ein Fetisch ein Gegenstand ist, keine Tätigkeit. Nein, wer so richtig gebildet vom erotischen Kitzeln sprechen will, der verwende das Wort Knismolagnie. Das kommt vom griechischen knismos, einem in der Antike sehr selten gebrauchten Wort, dessen Bedeutung unklar ist, das aber von manchen Gräzisten mit “Kitzel” oder “Juckreiz” übersetzt wird ; und vom ebenfalls griechischen (und weitaus häufigeren) Wort lagneia, das man mit “Wollust” übersetzen kann. (Andere Gräzisten sind übrigens der Meinung, knismos sei ein sexuell konnotiertes Wort, das einen erotischen Tanz als Vorspiel im Blick habe - Näheres in diesem Essay.)

Ein Wort, das aber ganz sicher kitzeln heisst, ist das lateinische titillare. Deshalb wird die erotische Kitzelleidenschaft bisweilen auch Titillagnie genannt – ob es besonders gebildet ist, wenn man lateinische und griechische Wortwurzeln in einem Begriff zusammenfügt?

Titillagnie ist möglicherweise leichter verständlich, aber Knismolagnie scheint verbreiteter, wenn man bei solchen Begriffen, die noch seltener sind als die Sachen, die sie bezeichnen, überhaupt von verbreitet sprechen kann. Immerhin gibt es zum Begriff “Knismolagnie” einen Artikel in der französischen Wikipedia. Wenn man in der englischen Wikipedia danach sucht, wird man auf Tickling fetishism weitergeleitet.

Bei diesen Ausführungen höre ich schon die Kitzelliebhaber, für die Kitzeln nichts mit Erotik zu tun hat, rufen, das sei mal wieder typisch: Alle Welt denke an Sex, selbst beim Kitzeln, und sie, die Kitzeln einfach als harmloses Vergnügen und Spass ansehen, ganz ohne sexuelle Hintergedanken, würden mal wieder vereinnahmt.  Der erwähnte Artikel in der englischen Wikipedia sagt, der Fachausdruck für eine Kitzelvorliebe ohne sexuellen Hintergrund sei Acarophilie.  Ich habe so meine Zweifel, dass die Wikipedia damit recht hat – mir scheint, es handle sich dabei vielmehr ebenfalls um eine sexuelle Vorliebe, und zwar darum, vom Kratzen erregt zu werden (vgl. Anil Aggrawal: Forensic and Medico-Legal Aspects of Sexual Crimes and Unusual Sexual Practices, CRC Press, 2008, S. 33).

Zuzugeben ist, dass alle drei Begriffe nicht so wahnsinnig verbreitet sind. Aber immerhin scheint es sich tatsächlich um Begriffe zu handeln, die in einigermassen seriösen wissenschaftlichen Publikationen vorkommen. Mein Spanisch ist sagenwirmal nicht so besonders, aber ich verstehe genug, um zu sagen, dass  diese Webseite und dieses Buch “knismolagnia” als durch Kitzeln hervorgerufene sexuelle Erregung definieren. Im bereits erwähnten Buch von Anil Aggrawal wird “titillagnia” dreimal erwähnt, S. 33, 34 und 381 (vgl. Vorschau bei books.google.com). Auch das Oxford handbook of genitourinary medicine, HIV, and AIDS, Band 13, erwähnt “titillagnia” auf Seite 34, vgl. wiederum die Vorschau.

Keines der genannten Nachschlagewerke liefert mehr als eine nackte Definition. Also nichts Neues unter der Sonne. Aber immerhin wissen wir jetzt, wie wir heissen. ;)

Eine Antwort zu Fremdwörter sind Glückssache

  1. TrivialTickler sagt:

    Es geht doch nichts über eine wissenschaftlich fundierte Darstellung von Dingen *gg*

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