Der abenteuerliche Simplicissimus – Ursprung der Kitzelfolter?

Menschen foltern, indem man ihnen Salz auf die Fusssohlen reibt und von einer Ziege ablecken lässt, so dass es kitzelt – woher kommt diese Vorstellung? Der berühmteste und zugleich älteste mir bekannte Beleg ist ein Schelmenroman: Der abenteurliche Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen.

Im vierten Kapitel des Simplicissimus erfahren wir, wie schwedische Reiter im Dreissigjährigen Krieg den Hof des Vaters des jungen Simplicissimus überfallen und plündern. Der Erzähler beschreibt verschiedene Methoden der Folter, welche die Marodeure anwenden, um die Gutsleute zu quälen und insbesondere die Verstecke ihrer Wertsachen zu erfahren. Die für unser Thema entscheidende Passage lautet:

Allein mein Knan war meinem damaligen Bedünken nach der glückseligste, weil er mit lachendem Mund bekennete, was andere mit Schmerzen und jämmerlicher Weheklag sagen mußten, und solche Ehre widerfuhr ihm ohne Zweifel darum, weil er der Hausvater war, denn sie setzten ihn zu einem Feuer, banden ihn, daß er weder Händ noch Füß regen konnte, und rieben seine Fußsohlen mit angefeuchtem Salz, welches ihm unser alte Geiß wieder ablecken, und dadurch also kitzeln mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen; das kam so artlich, daß ich Gesellschaft halber, oder weil ichs nicht besser verstund, von Herzen mitlachen mußte. In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit, und öffnet‘ den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Kleinodien viel reicher war, als man hinter Bauren hätte suchen mögen.

Ein Schelmenroman

Wenn wir uns fragen, was diese Passage uns über die historische Wirklichkeit verraten kann, dürfen wir nicht vergessen: der Simplicissimus ist ein Abenteuer- und Schelmenroman. Ein historischer Roman, der zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges spielt und ein Bild dieser Zeit entwerfen will, gewiss, aber eben doch ein fiktives Werk. Als unzweifelhaften Beleg, dass diese Art der Kitzelfolter tatsächlich praktiziert wurde, darf der Roman nicht gelten.

Kommt dazu, dass der Protagonist Simplicissimus genau so ist, wie er heisst: simpel gestrickt, ein naiver Jüngling, der nicht so genau durchschaut, was um ihn herum vorgeht. Man lese nur einmal den zweiten Absatz des Kapitels, aus dem auch unser Zitat stammt. Da beschreibt Simplicissimus als Ich-Erzähler, wie die Marodeure wüten und plündern, doch er beschreibt es mit allerlei naiven Nebenkommentaren: Sie „schütteten die Federn aus den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr Fleisch und sonst Gerät hinein, als ob alsdann besser darauf zu schlafen gewesen wäre“… Der Roman ist voll von derben Scherzen, die nicht selten auf Kosten der naiven Hauptfigur gemacht werden, ohne dass dieser sich dessen wirklich bewusst ist. Da zugleich die Erzählperspektive diejenige des Simplicissimus selbst ist, wird man viel des Erzählten historisch nicht für bare Münze nehmen dürfen.

Ziegenlecken – ein Grund zum Lachen?

Ziegen haben raue Zungen, die, wenn sie über längere Zeit lecken, durchaus Verletzungen zufügen können. Wenn eine Ziege lange an der Fusssohle leckt, müssen wir damit rechnen, dass die Haut sehr schmerzhaft verletzt wird. Wenn dann noch Salz auf die Fussohlen gerieben wird (man muss die Ziegen ja weiterhin „interessiert“ halten), so verstärkt sich der Schmerz – nicht umsonst spricht eine Redensart vom „Salz in die Wunden streuen“. Mit der Zeit ist die Haut durchgescheuert, die Ziegen lecken das nackte Fleisch, was sehr schmerzhaft sein dürfte.

Kurz und gut: wenn Folter durch Ziegenlecken an den Fusssohlen praktiziert wurde, dann dürfe es dabei nicht um Kitzeln, sondern um Schmerzfolter gegangen sein. Dass eine solche Ziegenfolter praktiziert wurde, das wird in populären Darstellungen immer wieder behauptet, ohne dass dafür Belege genannt würden.

Kitzelfolter: nur eine Erfindung?

Wie also müssen wir die oben zitierte Passage interpretieren? Ich sehe zwei Möglichkeiten:

  1. Folter durch Ziegenlecken an den Fusssohlen und überhaupt Kitzelfolter gab es nicht. Die ganze Episode ist Grimmelshausens Phantasie entsprungen. Das ist durchaus möglich, scheint mir aber nicht besonders wahrscheinlich. Warum nicht? Einfach deswegen, weil Grimmelshausen bei den anderen Foltermethoden, die im vierten Kapitel vorkommen, auf solche zurückgreift, die auch anderweitig bezeugt sind, die also tatsächlich historisch praktiziert worden sind: Daumenquetschen, Brandfolter, Schwedentrunk sind alles keine Phantasieprodukte.
  2. Daher die andere, von mir favorisierte Interpretation: Es gab historisch die Ziegenfolter, doch dass dies eine Kitzelfolter sein soll, ist Grimmelshausens Erfindung. Das hiesse, dass die Ziegenfolter in Wirklichkeit eine Schmerzfolter war, die Grimmelshausen hier aufgreift. Er verwendet sie aber, um seine Hauptfigur zu charakterisieren: Simplicissimus ist so naiv, dass er die Schmerzensschreie des Gefolterten für Gelächter hält, das durch die kitzelnde Ziegenzunge hervorgerufen wird.

Wie dem auch sei: Vieles deutet darauf hin, dass Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen der Erfinder der Kitzelfolter ist. Und wenn wir Kitzelfans auch froh sind, dass die Kitzel“folter“, wie wir sie heute praktizieren, keine ernsthafte Folter, sondern Vergnügen und Lustgewinn ist, so sollten wir doch Grimmelshausen einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie der Kitzelpersönlichkeiten gewähren.

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One Response to Der abenteuerliche Simplicissimus – Ursprung der Kitzelfolter?

  1. ticklishboy sagt:

    Es gibt noch die 3. offensichtlichere Möglichkeit:
    Die Foltermethode war BEIDES.
    Sowohl die für viele wohl zuerst äußerst schlimme Kitzelfolter (die rauen Ziegenzungen werden dazu ihren Teil beitragen), die dann erst irgendwann in Schmerzen übergeht.
    Nur für alle unkitzligen Kandidaten kam nur letzteres in Betracht. Für alle anderen war die Folter quasi doppelt gemein. Warum soll man die ersten 10-20 Minuten unter den Tisch fallen lassen (bei denen definitiv das Kitzeln noch überwiegen musste!)?

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